Im Einklang mit der DNA: Nancy Bursons Ausstellung
"Looking Up" in der Deutschen Bank Wall Street

Installationsansicht, Looking Up (The Human Face)
in der Deutschen Bank Wall Street
Seit Beginn
ihrer Karriere beschäftigt sich
Nancy Burson mit den Wechselwirkungen zwischen Kunst und Wissenschaft.
Anfang der achtziger Jahre entwickelte Burson das „Morphing“ genannte
Verfahren zur Darstellung von altersbedingten Veränderungen der
Physiognomie. Ihr Verfahren wurde später von der Polizei benutzt, um den
Alterungsprozess von seit längerer Zeit vermissten Kindern zu
visualisieren. Das menschliche Gesicht, seine Morphologie und der
genetische Code, der ihm zugrunde liegt, sind immer wiederkehrende Themen
ihrer Kunst. In Bursons Arbeiten begegnen uns Wunderheiler und
Jesus-Gesichter, ineinander gemorphte Gesichter von modern Ikonen wie
Bette Davis und Marilyn Monroe
oder Politikern, aber auch deformierte Gesichter, Zwitterwesen und
Chimären. Bursons „transgene“ Visionen von Rasse und Geschlecht stellen
fundamentale Fragen: Wer sind wir, und wie viel von dem, was wir sind,
können wir verändern? Was haben wir als Menschen alle gemeinsam?

First and Second Beauty Composites
(First Composite: Bette Davis, Audrey Hepburn,
Grace Kelley, Sophia Loren, and Marilyn Monroe.
Second Composite: Jane Fonda, Jacqueline Bisset,
Diane Keaton, Brooke Shields, and Meryl Streep), 1982,
©Nancy Burson
Die Ausstellung, die zurzeit
in Räumen der Deutschen Bank an der New Yorker Wall Street zu sehen ist,
präsentiert nicht nur die verschiedenen Entwicklungsphasen von Bursons
künstlerischem Schaffen. Sie dokumentiert zugleich, welche Positionen
Nancy Burson im Kontext der so genannten „
transgenen Kunst“ eingenommen hat und wie ihre verschiedenen Diskurse
geprägt sind von intensivem Fragen, Neugier und Selbstreflexion. Ihre
Werke spiegeln das moralische Dilemma aller zeitgenössischen Debatten
wider, die sich um Nutzen und Schaden der Genforschung für den Menschen
drehen. Dabei hat es den Anschein, dass die Arbeiten ihrer frühen
Schaffensperiode von Kritik und Ablehnung geprägt sind, während die
späteren Werke die Möglichkeiten der Genforschung auf eine Weise bejahen,
die an religiösen Glauben grenzt.
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Warhead I (55% Reagan, 45% Brezhnev, less
than 1% each of Thatcher,
Mitterand, and Deng), ©Nancy
Burson
Die kleine Retrospektive in den
Innenräumen der Bank zeigt die Künstlerin an einem frühen, politisch
geprägten Zeitpunkt ihrer Entwicklung. Warhead (1982), eines
ihrer Schlüsselwerke aus den frühen achtziger Jahren, ist eine freche
Collage aus den Gesichtern der mächtigsten Politiker jener Zeit:
Breschnews Gesichtszüge verschmelzen hier mit denen von
Ronald Reagan,
Maggie Thatcher und anderen Regierungschefs. Das Portrait scheint sich
über die Vergeblichkeit solcher morphologischen Experimente lustig zu
machen, denn alle Führer wirken wie geklont aus einem einzigen,
konservativ programmierten DNA-Muster, das die geopolitische Landschaft
jener Zeit dominierte. In einem anderen Werk, Baby Elvis (1989-90),
bezieht sich Burson auf Andy Warhol.
Sie verwandelt Elvis in ein Baby, in
eine Art frühreife Pop-Ikone. Das Werk spielt mit kulturellen Obsessionen
und stellt auf amüsante Weise die Frage, inwieweit der Ruhm der
körperlichen Erscheinung eingeschrieben ist –
DNA als Schicksal?

The Difference Between Negative and Positive Thought, 2000,
©Nancy Burson
In den folgenden Jahren
stehen Bilder von Wunderheilern und ihren Auras im Mittelpunkt von Bursons
Schaffen. The Difference Between Positive and Negative Energy
(2000) stellt gleichsam die These auf, die ihren Arbeiten in der nächsten
Dekade zugrunde liegen wird. Mit einer speziellen Kamera, die Gase
sichtbar machen kann, visualisiert Burson verschiedene Arten von Energien
oder Auras. In den Bilders der Serie Touch without touching wird
der Heilungsprozess dann als Manipulation der auratischen Energien
verstanden, die den Körper umgeben. Burson erforscht hier den menschlichen
Körper im Hinblick auf sein unstoffliches, „transgenes“ Potential, das von
der westlichen Wissenschaft bislang ignoriert wurde. Die Heiler-Serie
wirkt positiv, hoffnungsvoll und bewusst esoterisch und kündigt damit
einen Paradigmenwechsel in Bursons künstlerischem Diskurs über Genetik an.
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