Unter Null: Marc Quinns Visionen von Schönheit, Kunst
und Unsterblichkeit

Aus der Serie Garden 2, 2000
Sammlung Deutsche Bank
In seinen
Skulpturen und Installationen lässt der Brite Marc Quinn das Blut
gefrieren, und Blumen ständig blühen - konserviert in Silikon und
ausgetüftelten Kühlvorrichtungen. Der Versprechung ewigen Lebens und
vollkommener Schönheit steht bei Quinns Werken allerdings eine aufwendige
Technik gegenüber, ohne deren Unterstützung seine Stillleben verrotten und
zerschmelzen würden. Ist Marc Quinn ein Pessimist, wenn er andeutet, dass
das Dasein so flüchtig wie eine Eisskulptur und so fragil wie die
brüchigen Stiele seiner gefrorenen Lilien ist? Im Gegenteil, meint der
Londoner Kunstkritiker Ossian Ward und beschreibt, weshalb Quinns
Welten doch nicht so kalt sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen
mögen.
Das amerikanische
"Institut für Unsterblichkeit" (Immortality Institute) ist
eine Organisation, die sich ausschließlich der Erforschung
lebensverlängernder Maßnahmen widmet, oder anders gesagt, die
herauszufinden versucht, wie wir eines Tages das ewige Leben erlangen
können. Auch Künstlern, Schriftstellern und Politikern wurde über lange
Zeit vorgeworfen, ähnliches im Sinn zu haben, nämlich mit Musik,
dichterischen Werken oder historischen Taten, die ihre Schöpfer überleben,
bei der Nachwelt einen bleibenden Eindruck hinterlassen zu wollen. Die
Errungenschaften des Künstlers
Marc Quinn liegen allerdings irgendwo zwischen diesen beiden Bereichen.
Zweifellos hat seine beachtliche Karriere als
"YBA" (Young British Artist) die britische Kunst und auch die
Geschichte der Bildhauerei bereits nachhaltig geprägt. Nach wie vor
beschäftigt sich seine Arbeit auf fundamentale Weise mit der Verbindung
von Wissenschaft und Kunst, oder wie Quinn es selbst ausdrückt, mit "den
grundlegenden Mysterien des Lebens".


Aus der Serie Garden 2, 2000
Sammlung Deutsche Bank
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Gleichwohl ist Marc Quinns Umgang mit Wissenschaft und
Technik in der Kunst bislang einmalig. Die Liste der Materialien, aus
denen sich eines seiner typischen Werke zusammensetzt, kann ebenso
DNA-Stränge, flüssiges Silikon, das eigene Sperma und Kot, oder chemische
Substanzen wie Vitamin A Azetat, Folsäure und Riboflavin beinhalten.
Tatsächlich entspricht sein mit Tiefkühltruhen und nüchternen weißen
Möbeln ausgestattetes Atelier eher einer sauberen und geordneten
Zeugungsklinik, als der allgemeinen Vorstellung von einem
künstlerisch-kreativen Umfeld. Wie dem auch sei, sicher ist, dass Quinn
das schöpferische Potential der Wissenschaft voll erfasst.

Self, 1991, © the artist
Courtesy Jay Jopling/White Cube (London)
Abgesehen von etwaigen philosophischen Bedenken, liegt der Schlüssel zur
Unsterblichkeit dem Immortality Institute zufolge in der Weiterentwicklung
der technischen Wissenschaften. Die
Kryonik, die Methode einen Körper einzufrieren, damit er von möglichen
zukünftigen medizinischen Entwicklungen profitiert, beruht auf einer
Theorie, die seit den sechziger Jahren an Fahrt gewonnen hat: Die
Alcor Life Extension Foundation konserviert mit diesem Verfahren derzeit
die Körper von 59 Menschen, 650 weitere haben sich bereits für eine
spätere Teilnahme an dem Projekt eingeschrieben. Das vielleicht
nachhaltigste Kunstwerk, das bisher zum Thema Kryonik und Unsterblichkeit
geschaffen wurde und zugleich als Ikone der figurativen Skulptur des
späten 20. Jahrhunderts gelten dürfte, ist Quinns berüchtigte tiefgekühlte
Installation Self von 1991, ein aus 5 Litern des eigenen gefrorenen
Blutes gefertigter Abguss seines Kopfes.

Rubber Soul, 1994, © the artist
Courtesy Jay Jopling/White Cube (London)
Auch
wenn der Abguss Quinns eigene Züge trägt, machte er damit eine Aussage,
die auf uns alle zutrifft. So zapfte er sich hierfür ungefähr die Menge
Blut ab, die im menschlichen Körper zirkuliert (abhängig vom Geschlecht
etwa 4-6 Liter). Indem er seinen "Lebenssaft" einfror ließ er beide
Möglichkeiten offen: Wir können ewig leben oder uns genauso gut im
nächsten Moment auflösen.
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