Nährende Energie, schützende Wärme:
Filz und Fett als Metaphern im Werk von Joseph Beuys
Künstler lieben Legenden, vor allem wenn sich dadurch die eigene Biografie
ein wenig interessanter gestalten lässt.
Joseph Beuys machte da keine Ausnahme, im Gegenteil. Der Zeichner,
Aktionskünstler, Parteigründer und Hochschullehrer, der von seinen
Schülern verehrt wurde wie kein Zweiter, er hatte ein ausgeprägtes Faible
für Stilisierungen unterschiedlichster Art. Der charakteristische Hut, die
Fotografenweste, der Mythos von Filz und Fett als Leben und Wärme
spendende Urerfahrung, hat Beuys mit Inbrunst und Idealismus kultiviert -
und dabei auch den Eigennutz nicht ganz vergessen. Ein Porträt von
Ulrich Clewing.
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Wie man einem toten Hasen die Bilder
erklärt, Fluxus Aktion, Düsseldorf, 26. November 1965
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Wenn die Geschichte nicht stimmt, wofür es eine Menge
Argumente gibt, dann ist sie wenigstens gut erfunden. Als Joseph Beuys im
Zweiten Weltkrieg als Besatzungsmitglied eines
Stuka JU 87 über der Krim abgeschossen und schwer verletzt wurde, da waren
es angeblich umher ziehende Tartaren, die ihn als erste fanden und in den
Wochen danach gesund pflegten. Letzteres bewerkstelligten sie, so Beuys
später, indem sie den Verwundeten mit Fett einrieben und in wärmenden
Filzstoff hüllten.
Heute weiß man aus zuverlässigen Quellen,
dass zwischen dem Abschuss seiner Maschine und der Einlieferung ins
Lazarett nicht mehr als 24 Stunden vergangen sein konnten, der Aufenthalt
bei den Tartaren also - wenn überhaupt - sehr viel kürzer gedauert hat,
als von Beuys selbst verbreitet. Andererseits passt diese Legende zu gut
in das Welt- und Werkbild des 1986 gestorbenen Künstlers, als dass man
diese biografische "Ungenauigkeit" einfach ad acta legen sollte. Zum einen
hatte Beuys eine ausgeprägte Neigung zur sinnbildhaften Ausdrucksweise,
zum anderen spielte gerade die "Wärme" für ihn nicht nur im physischen
Sinn eine große, ja entscheidende Rolle.
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Stuhl mit Fett, 1963, Hessisches
Landesmuseum Darmstadt
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Anlässlich des Festivals der Neuen Kunst 1964 in Aachen
verfasste Joseph Beuys in eigener Sache einen so genannten
"Lebenslauf/Werklauf", den er fünf Jahre später für eine
Ausstellung im Kunstmuseum Basel noch einmal erweiterte. Darin ist für das
Jahr 1946 die erste "warme Ausstellung" vermerkt, die erste "Ausstellung
von Kälte" ist übrigens bereits 1945 über die Bühne gegangen.
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Dass er damit seine Versetzung als Soldat zum Bodeneinsatz
in Nordholland kurz vor Kriegsende meinte, beziehungsweise seine Rückkehr
aus der Kriegsgefangenschaft zu den Eltern nach Kleve im Jahr darauf, ist
in dem Zusammenhang sekundär. Wichtiger ist, dass er spätestens in dem
Moment - 1964 - offenkundig seine spezifische Nomenklatur gefunden zu
haben scheint.

Iphigenie/Titus, Glasobjekt in
Eisenrahmen, 1985
Für Beuys war "Wärme" in
erster Linie eine Metapher, so wie er generell den Dingen - seinen
Objekten, Collagen, grafischen Notaten - eine starke symbolische Bedeutung
beimaß. Dieser Hang zur Symbolik erstreckte sich auch und gerade auf seine
öffentlichen Handlungen, auf seine Aktionen und Performances, aber auch
auf seine politische Betätigung, die er seit den Studentenunruhen Ende der
sechziger Jahre einschneidend intensivierte. Ab da erlangte die Denk- und
Empfindungskategorie "Wärme" auch gesellschaftliche Dimensionen. Am
präsentesten ist die Metapher Wärme in den Fett- und Filzarbeiten, die
Joseph Beuys fast seine ganze Laufbahn lang von den frühen fünfziger
Jahren bis zu seinem Tod 1986 schuf, und die wohl zu seinen bekanntesten
Werken gehören.
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Filzplastik-Bronzeplastik, 1964
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Infiltration Homogen für
Konzertflügel, 1966, Musée national d'art moderne, Centre George
Pompidou, Paris
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Die nährende Energie von Fett und die schützende, Wärme
speichernde Eigenschaft von Filz waren zwei Sinnbilder, mit denen er seine
Vorstellungen besonders unmittelbar auszudrücken vermochte.
Filzplastik – Bronzeplastik lautet der Titel einer 1964
entstandenen Zeichnung Joseph Beuys’ aus der Sammlung Deutsche Bank.
Deutlich erkennt man die stilisierten Schemen eines Konzertflügels –
ähnlich dem, den Beuys zwei Jahre später tatsächlich vollständig in Filz
gehüllt hatte und so nicht nur "schützte", sondern auch seiner Funktion
beraubte, da er in der Hülle keinen Klang mehr von sich geben konnte.
Für Beuys war die Zeichnung, so sagte er selbst einmal, "die Verlängerung
eines Gedankens". Zu Beginn seiner künstlerischen Entwicklung, als Student
an der Kunstakademie
Düsseldorf, hatte er sich fast ausschließlich auf dieses Medium
konzentriert. Noch heute erfreuen sich seine Arbeiten auf Papier unter
Kennern höchster Wertschätzung. Das Intuitive, das Streben nach Einklang
mit dem Unterbewussten, der urhumane Kern in der durch Zivilisation und
Konventionen entfremdeten Seele, die Wiedergewinnung einer verlorenen
Natürlichkeit, kurz: die Wärme eines menschlichen Daseins - dies alles
vermochte sich Beuys zufolge, der im übrigen große Hochachtung vor den
Lehren des Anthroposophen Rudolf
Steiner hatte, in seiner Idee vom "erweiterten Kunstbegriff" zu
offenbaren. Gerade zu Steiner und seiner Philosophie empfand Beuys eine
große Nähe, in manchen seiner eigenen Äußerungen scheint er ihn fast
wörtlich zu zitieren: "Ich wollte das Licht der Ideenwelt in die Wärme des
inneren Erlebens einführen", schrieb Steiner 1890. Und weiter: "Der
Mystiker kam mir vor wie ein Mensch, der den Geist in den Ideen nicht
schauen kann, und der deshalb an den Ideen innerlich erfriert. Die Kälte,
die er an den Ideen erlebt, zwingt ihn, die Wärme, deren die Seele bedarf,
in der Befreiung von den Ideen zu suchen."
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