I like America and America likes me,
Aktion, Galerie Rene Block, New
York, 21.-25. Mai 1974
Die idealistische und
zugleich radikale Beschwörung dieser kreatürlichen Einheit konnte sehr
unterschiedliche Formen annehmen, wovon die Zeichnung nur eine war. Auch
hierbei waren die Grenzen zu den unterschiedlichen künstlerischen
Äußerungen fließend, war alles Teil eines gattungsübergreifenden Systems.
Während seiner Aufführungen und Aktionen schrieb Beuys beispielsweise
häufig auf Schautafeln, die mittlerweile sämtliche als Überbleibsel der
Happenings im Museum gelandet sind – auch da liegt die Nähe zur einfachen
Zeichnung auf Papier auf der Hand. Eine seiner Aufsehen erregendsten und
provokantesten Performances I like America and America likes me
bestand darin, dass sich der Künstler an fünf Tagen im Mai 1974 in den New
Yorker Ausstellungsraum der Galerie René Block einsperren ließ, um dort,
in einen Filzumhang gehüllt, jeweils mehrere Stunden mit einem lebenden
(und recht neugierigen) Kojoten zu verbringen. Doch eigentlich war es bei
Beuys nebensächlich, ob der betriebene Aufwand groß oder nicht ganz so
groß war. Im Grunde zeigt sich sein gedanklicher Kosmos, sein "erweiterter
Kunstbegriff" in Gestalt eines jeden einzelnen Blatt Papiers.
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Hirschdenkmal, 1949,
Sammlung Deutsche Bank
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DDR-Tüte (Gut gekauft gern gekauft),
1980
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Der
Arte Povera entsprechend, der Beuys allgemein zugerechnet wird, gab es für
den Künstler bei der Wahl des Rohmaterials für seine Kunst kaum etwas, das
sich nicht zur kreativen Weiterverarbeitung eignete. So wie er für seine
Objekte und Plastiken einfache Alltagsgegenstände verwendete - Stühle,
Tische, ausrangierte Gebrauchsgüter aller Art -, so setzen sich auch seine
Zeichnungen und Assemblagen aus allen möglichen Elementen und Einzelteilen
zusammen, die, salopp formuliert, die meisten anderen vorschnell als
Abfall deklarieren würden. Mal sind da nur zwei abgerissene Fetzen
unterschiedlich farbigen Papiers, die beide eine abstrakte Komposition
bilden, so zum Beispiel bei dem Blatt Hirschdenkmal aus dem Jahr
1949. Mal finden sich auf seinen Graphiken auch Wörter und Schriftzüge,
die die Assoziationen des Betrachters in eine bestimmte Richtung lenken,
etwa wenn Beuys eine Obsttüte aus der DDR zu neuem Leben erweckt (
Gut gekauft, gern gekauft).
Manchmal
scheint es, als sei in einer spontanen Geste Farbe ziellos auf dem Papier
gelandet, wie in der Zeichnung Hirsch von 1960, auf der man nur
rote und weiße Flecken erkennt. Dann wieder sehen die Zeichnungen aus, als
habe sich jemand eben nur kurz eine Notiz gemacht und aus unerfindlichen
Gründen einen Kaffeefilter daneben geklebt ( Deklaration,
1969). Doch sogar die unscheinbarsten, beiläufigsten dieser Arbeiten fügen
sich passgenau wie Mosaiksteine ein in eine künstlerische Weltanschauung,
die Beuys mit bisweilen geradezu missionarischem Eifer propagierte.
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Hirsch, 1960,
Sammlung Deutsche Bank
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Diese Weltsicht führte ihn 1967 in die Politik: In dem Jahr
gründete er seine erste Partei, die DSP (Deutsche Studentenpartei). Auch
das widersprach keineswegs Beuys’ künstlerischem Credo. Der Topos der
"Wärme" als einer sowohl auf den einzelnen als auch auf große
Menschenansammlungen wirkenden Energie ließ sich ohne große
Schwierigkeiten auch auf gesamtgesellschaftliche Vorgänge und
Entwicklungen beziehen. Drei Jahre darauf folgte Beuys zweite Gründung:
Die
"Organisation der Nichtwähler, Freie Volksabstimmung"
verfügt immerhin über ein Büro in der Düsseldorfer Altstadt. 1971 ruft
Beuys die "Organisation für
Direkte Demokratie durch Volksabstimmung" ins Leben und richtet
ihr anlässlich seiner Teilnahme an der
Documenta 5 in Kassel ein Informationsbüro ein.
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Deklaration, 1969,
Sammlung Deutsche Bank
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Im selben Jahr kommt es während des so genannten
"Akademie-Streits" zu einer Besetzung des Studiensekretariats. Die
Situation eskaliert, Beuys wird wegen Hausfriedensbruchs fristlos
gekündigt, worauf seine Schüler Hungerstreiks, Protestzüge und Unterricht
auf offener Straße organisieren. 1973 zählt er gemeinsam mit den Malern
Georg Meistermann und
Willi Bongard sowie dem Graphiker
Klaus Staeck zu den Initiatoren des "Vereins zur Förderung einer
Freien internationalen Hochschule für Kreativität und interdisziplinäre
Forschung e.V.". 1976 wird er Spitzenkandidat der AUD, der
"Aktionsgemeinschaft unabhängiger Deutscher" in Nordrhein-Westfalen, aus
der unter anderen wiederum drei Jahre später schließlich die Partei
"Die Grünen" hervorgeht.
Und das ist nur ein kleiner
Auszug aus der Liste der Beuys’schen Aktivitäten zur Veränderung der
gesellschaftlichen Lage. In dem Zusammenhang ist auch das bekannteste
Zitat von Joseph Beuys zu verstehen, seine häufig einseitig
missverstandene These, wonach "jeder Mensch" ein "Künstler" sei. Damit
wollte Beuys nicht ausdrücken, dass alle gut malen und zeichnen können, so
sie nur wollen. Gemünzt ist dieser Ausspruch einzig und allein auf die
politische Gestaltungskraft, die jedem Einzelnen zu Gebote steht.

Bergkönig, 1961, Sammlung
Deutsche Bank
Für Beuys waren alle Menschen
mit dem entsprechenden Bewusstsein Bestandteil der "sozialen Plastik", das
heißt Teil einer emanzipierten, künstlerisch-kreativ bestimmten
Gemeinschaft, die ihre Geschicke selbst in die Hand nimmt. "Die einzig
revolutionäre Kraft ist die Kraft der menschlichen Kreativität", hat Beuys
einmal gesagt, und: "Meine Politik ist Befreiungspolitik". Für ihn war
"der soziale Organismus" ein "Lebewesen", und dessen "evolutionäres
Prinzip" war "die Wärme". "Es kommt alles auf den Wärmecharakter im Denken
an", so der Künstler, "das ist die neue Qualität des Willens".
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Filzanzug, 1970 Multiple
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Zu dem Zeitpunkt war Beuys freilich schon lang sein
persönliches Markenzeichen. Seine Arbeitsmaterialien Filz und Fett kennt
inzwischen jedes Kind, sie wurden in der Werbung persifliert und als
ahnungslose Putzfrauen nach seinem Tod eine seiner "Fettecken" in der
Düsseldorfer Kunstakademie entfernten, sorgte das sogar in der
Bild-Zeitung für Schlagzeilen. Auch sonst brach er so manchen Rekord: Wohl
kein anderer Künstler ist so oft fotografiert worden, von keinem anderen
wurden die Fotos so oft vervielfältigt und reproduziert. Beuys wurde für
eine ganze Generation zur Ikone: Ein Star, der sich selbst – trotz allen
gesellschaftlichen Engagements - höchst erfolgreich zum Thema seiner
eigenen Kunst gemacht hatte.
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