Makellos Weiß - Kunst und das Drama des Winters
Jetzt locken sie wieder, der Skizirkus, die Gletscherwelt und der
Hüttenzauber. Strahlender Sonnenschein, azurblauer Himmel, Traumpisten und
Pulverschnee - so präsentiert sich der Winter gerne in den Werbeprospekten
und Annoncen der Fremdenverkehrsämter und Tourismusagenturen. Auch
Künstler fasziniert die vierte Jahreszeit, allerdings meist unter ganz
anderen Vorzeichen. Für sie ist der Winter die Zeit der Bedrohung und der
harten Kontraste, die Zeit des Dramas, der Einsamkeit und des Vergehens
allen Lebens. Ein Ausflug in die eisigen Regionen von Fotografie, Malerei
und Video von Ulrich Clewing

Tobias Rehberger: ohne Titel, 1992,
Sammlung Deutsche Bank
Der 14. Februar
2005, eine Eilmeldung der dpa: Wegen akuter Lawinengefahr, so die
Nachrichtenagentur, seien die Arlberg Straße, die Lechtal Straße und die
Zufahrt vom Tiroler Lechtal für den Autoverkehr gesperrt worden. Etwa
15000 Menschen säßen in den Wintersportorten Stuben, Zürs und Lech am
Arlberg fest. Aufgrund weiterer Schneefälle sei mit einer raschen
Entspannung der Situation nicht zu rechnen. Also war es wieder einmal so
weit. Ein paar Tage lang war die Normalität außer Kraft gesetzt, der
reibungslose Ablauf der Dinge durchbrochen, hatte der Winter sich von
seiner unerbittlichen Seite gezeigt.

Gert Rappenecker: ohne Titel (notes), 1992,
Sammlung Deutsche Bank
Nachrichten wie diese
können
Walter Niedermayr nicht sonderlich beeindrucken. Niedermayr, 1952 in Bozen
in Südtirol geboren, kennt die Berge, denn er lebt dort nicht nur in der
Hauptsaison. Und er hat sie fotografiert, das erste Mal vor mehr als
siebzehn Jahren und seitdem immer wieder. Hunderte von Bildern hat er von
ihnen gemacht, zu Serien kombiniert, in Galerien und Museen ausgestellt,
in Büchern publiziert. Auf seinen Fotos scheint selten die Sonne, und wenn
dann ist sie nicht zu sehen, genauso wenig wie der azurblaue Himmel.
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Walter Niedermayr: Jungfraujoch II, 1998,
Sammlung Deutsche Bank
Wenn in seinen Bildern
Menschen auftauchen, dann meist nur ganz klein, nicht viel größer als
Ameisen. Was man auf Niedermayrs Fotos schon öfter sieht, sind ihre
Hinterlassenschaften. Die Dinge, die der Mensch in die Landschaft baut, um
den Aufenthalt in ihr bequemer zu machen: Sessellifte,
Selbstbedienungsrestaurants und Aussichtsplattformen. Dabei bedient sich
der Künstler einer Art Frontal- oder Nahsicht, die zwar nicht die
Schönheit eines Panoramas besitzt, dafür aber einen um so klareren Blick
auf die Details ermöglicht, auf all die verlorenen Perspektiven, leeren
Ecken und Winkeln und sonstigen absurden Konstellationen, die sich aus dem
Zusammenprall von Architektur und Natur im Hochgebirge ergeben.
Manchmal führt Niedermayr die Berge auch ganz ohne Beiwerk vor. Dann
wirken sie riesig und sicher nicht einladend, sondern schroff und karstig.
Gleichzeitig sind sie von einer atemberaubenden, urzeitlichen Pracht. Die
schneebedeckten Berghänge, die schrundigen, zerklüfteten Gletscher: Sie
sind über und über bedeckt mit Maserungen und Mustern, und keines davon
ist wie das andere, fast wie bei einem Fingerabdruck. Das Licht, das dort
scheint, ist häufig diffus, aber immer hell. Manchmal ist es so hell, dass
es den Betrachter beim Hinschauen schmerzt.

William Wegman: Dusted, aus der Serie:
"Elephant, Bad Dog & Dusted" , 1988,
Sammlung Deutsche Bank
Diese Dominanz der
Farbe Weiß illustriert die Ambivalenz in Niedermayrs Bildern vielleicht am
treffendsten - sie ist als Symbol nämlich selbst ambivalent. In westlichen
Kulturkreisen assoziiert man mit ihr seit alters her überwiegend positiv
besetzte Eigenschaften und Zustände: Reinheit und Unberührtheit, Freude
und Eleganz.
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