"Das Material darf nicht zu schön sein": Zu Ulrich
Rückriems Installation in Berlin
Das Natürliche und das Gestaltete, die Form und der Zufall, Minimalismus und
Monumentalität: Seit mehr als dreißig Jahren kombiniert der Bildhauer
Ulrich Rückriem in seinem Oeuvre Gegensätze, die scheinbar unvereinbar
sind. Für die Berliner Neue Nationalgalerie hat der 1938 in Düsseldorf
geborene Künstler eine Installation geschaffen, die den Ort des Geschehens
in seinen Eigenheiten erkennt und ihn gleichzeitig verwandelt. Ein Porträt
von Ulrich Clewing

Neue Nationalgalerie Berlin
Die Neue
Nationalgalerie nach dem MoMA: Im Untergeschoss präsentieren die
Staatlichen Museen ihre "Gegenwelten", ein Panorama der Kunst des 20.
Jahrhunderts mit Bildern von Edvard Munch bis Andy Warhol, das als
Berliner Antwort auf das spektakuläre
Gastspiel aus New York angekündigt wird. Das Erdgeschoss des Mies van der
Rohe-Baus dagegen scheint vollständig leer zu sein. Erst nach und nach
bemerkt man, dass dieser erste flüchtige Eindruck täuscht.

Die große Halle im Erdgeschoss mit der Installation
"40 Bodenreliefs, 2. Variation 2004, Grand Bleu de Vire, Neue Nationalgalerie
Berlin" von Ulrich Rückriem,
©Ulrich Rückriem, Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Roman März
Ungefähr dreißig flache Steinplatten sind in unregelmäßigen Abständen in der
oberen Halle auf dem Boden verteilt. Fünfzehn, höchstens zwanzig
Zentimeter hoch und akkurat quadratisch, bestehen sie aus demselben Granit
wie der Bodenbelag, so dass für einen kurzen Moment die Illusion entsteht,
sie würden aus ihm empor wachsen: lauter kleine Inseln im Steinmeer,
Miniatur-Gebirge in der Ebene, Landschaften, Topografien, Gegenden.
Urheber dieser Rauminstallation ist einer der bekanntesten deutschen
Bildhauer, der 1938 in Düsseldorf geborene
Ulrich Rückriem. Im Besitz der Kunstsammlung der Deutschen Bank
befinden sich drei Zeichnungen, die in direktem Zusammenhang mit seiner
Arbeit in der Neuen Nationalgalerie stehen. Dabei handelt es sich weder um
vorbereitende Skizzen, noch um Entwurfszeichnungen im engeren Sinn,
sondern um eigenständige Werke, anhand deren sich der minimalistische und
konzeptuelle Charakter von Rückriems Schaffen gut verdeutlichen lässt. Die
Zeichnungen stammen aus dem Jahr 1998 und tragen alle drei den Titel Ohne
Titel, aus Drei Variationen zu den möglichen Installationen der
Ausstellung in der Nationalgalerie Berlin vom 16.9.98 bis zum 31.1.99. Sie
bestehen jeweils aus einem großen weißen Quadrat, in das wiederum viele
kleine schwarze Quadrate eingeschrieben sind.
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Ohne Titel, aus Drei Variationen zu den
möglichen Installationen der Ausstellung in der Nationalgalerie Berlin vom
16.9.98 bis zum 31.1.99,
Sammlung Deutsche Bank
Man könnte dies als
stilisierten Grundriss des Museums interpretieren, doch fehlen dazu sowohl
die beiden mächtigen Stützpfeiler des Daches als auch andere Einbauten wie
Garderoben und Kassen sowie die Treppenabgänge ins untere Stockwerk. In
diesen Zeichnungen wird die Installation in der Nationalgalerie eher
umschrieben als illustriert, eher in ihrer Essenz erfasst, als tatsächlich
und realistisch wiedergegeben: die variablen Beziehungen zwischen zwei
Gruppen von modellhaft bestimmten, auf ihr Wesentliches reduzierten
Formen, die sich nicht in ihrer äußeren Gestalt, sondern nur in den
Dimensionen voneinander unterscheiden.

Variationen eines Blocks, 2002,
Landesgartenschau Nordrhein-Westfalen, Schloss Dyck bei Mönchengladbach,
Foto: Landesgartenschau NRW
Kunst als
Versuchsanordnung, Bildhauerei als Mittel, Modelle zu entwickeln und
exemplarische Situationen durchzuspielen: Das betreibt Ulrich Rückriem
beinahe von Anbeginn seiner Karriere. Der Künstler selber nennt es gerne
seine "Grammatik". Ausgehend von einer Urform, meistens einem Quader,
gestaltet Rückriem die Steine nach einem festgelegten, immer
wiederkehrenden Repertoire von Bearbeitungsprinzipien: einfaches Stemmen
und Bohren, Spalten und Sägen, Brechen und Polieren. Daraus ergeben sich
erstaunlich viele skulpturale Optionen. In einem Interview hat der
Künstler sie einmal so beschrieben: "Der Stein wird geteilt - eine
horizontale Spaltung, ein vertikaler Schnitt oder eine vertikale Spaltung
und ein horizontaler Schnitt. Oder eine andere Möglichkeit: Ich nehme aus
dem Quader Material weg, das ich später wieder einfüge. Oder, oder,
oder..." Über 550 Variationen hat Rückriem mit Hilfe seiner "Grammatik"
bislang gefunden, und keine davon ist wie die andere.

Variationen eines Blocks, 2002, Detailansicht
Foto: Landesgartenschau NRW
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