Die Essenz, die Seele, das Zentrum:
Eva Hesses eigensinniges Werk

Eva Hesse in den sechziger Jahren
Wuchernde
Fadengebilde, in Fiberglas getauchte Drahtgerippe, serielle Strukturen: Im
Umfeld von Minimal- und Pop Art erschuf die deutsch-amerikanische
Künstlerin Eva Hesse in den sechziger Jahren ein Oeuvre, das sich jeder
Kategorisierung entzieht. 1970, an der Schwelle zum internationalen
Durchbruch, starb sie erst 34- jährig an einem Hirntumor. In den USA gilt
Hesse schon lange als emanzipierte Vorreiterin einer jüngeren
Künstlerinnengeneration, doch erst in den letzten Jahren wurde sie auch in
Europa mit großen Werkschauen gefeiert.

Metronomic Irregularity I , 1966
Foto: Ed Restle Museum Wiesbaden
Metronomic Irregularity heißt eine zwischen 1966
und 1967 entstandene Serie von Wandarbeiten, auf der die Nerven geradezu
blank liegen: Mit einem Gewirr von Kabeln verbindet
Eva Hesse gleichmäßig nebeneinander angeordnete Tafeln, die mit flüssigem
Sculpmetal überzogen und rasterförmig gelocht sind. Während die Tafeln von
statischer geometrischer Ordnung geprägt sind, erzeugen die durch die
Öffnungen gezogenen Drähte chaotische Verbindungen. Das Geflecht vermengt
sich zudem optisch mit seinen eigenen Schatten auf der Wand - und strahlt
so eine nervöse Energie aus, die Zwischenräume, Höhen und Tiefen auslotet
und erfahrbar macht. "Ich erinnere mich, dass ich immer mit Widersprüchen
und gegensätzlichen Formen gearbeitet habe, was auch meiner Idee vom Leben
entspricht", äußerte Hesse 1970, nur wenige Monate vor ihrem Tod im
Interview mit der New Yorker Kunstkritikerin
Cindy Nemser, "(…) Bei mir war immer alles gegensätzlich. Nichts tarierte
sich in der Mitte aus. Wie mein Lebenslauf zeigt, gab es in meinem Leben
nie etwas Normales oder Mittelmäßiges. Es war immer extrem."
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Legs of a walking ball, 1965
Foto: Abby Robinson, New York, Barbora Gerny-Vojtêchovà
©The Estate of Eva Hesse, Courtesy Hauser & Wirth Zürich London
In derselben Weise, in der Hesse in ihren Zeichnungen, Gemälden und Skulpturen
unterschiedliche Materialien verknüpfte, Strukturen und Formen aufgriff,
einhüllte oder freilegte, setzten sich ihr Werk und die Zeugnisse ihres
Lebens zu widersprüchlichen Bildern und Eindrücken zusammen. Das beginnt
mit den Fotografien, die Hesse im Laufe der sechziger Jahre in ihren
Ateliers in Deutschland und New York zeigen: Eine junge Frau mit der Aura
eines Fotomodells, die eine merkwürdige Symbiose mit ihrer Kunst eingeht.
Wie einen Schild hält Hesse in ihrem Studio in der Kleinstadt
Kettwig ihr 1965 entstandenes Bild Two in one vor sich. Die zwei
kreisförmigen Reliefs auf der Spanplatte gleichen betonierten,
spiralförmigen Brüsten oder verhärteten Gedanken, die ihre Kreise ziehen.
Ein metallener Nabel ragt zwischen ihnen empor. Auf einem 1966 in New York
entstandenen Foto liebkost sie ihr Werk Untitled (Not yet),
überdimensionale hoden- oder busenförmige Plastikbeutel, die in
feinmaschige Netze verschnürt sind. Eine der späten Aufnahmen zeigt die
Künstlerin ein Jahr vor ihrem Tod. Hesses Gesicht wirkt rundlich, von den
Folgen der Eingriffe, Bestrahlungen und Cortisonbehandlungen gezeichnet,
mit denen ihr Hirntumor bekämpft wurde. Ihr Blick fällt auf das in Latex
gehüllte Gewebe ihrer Skulptur Right After (1969). Wie ein
gigantisches Spinnennetz baumeln glitzernde Seile an einer Art Mobile,
funkeln schimmernd im Licht, als wären sie von Tautropfen oder Harz
überzogen - spindeldürr, triefend, sich verhärtend.

Eva Hesse in ihrem Atelier 134 Bowery Street , New York 1969
©The Eva Hesse Estate, Courtesy Galerie Hauser & Wirth, Zürich
Hesse betonte, sie bewerte die Erscheinung ihrer Kunst nicht nach abstrakten
oder ästhetischen Gesichtspunkten: "Für mich ist das ein Gesamteindruck,
der mit mir und meinem Leben zu tun hat. Das kann man nicht abspalten in
Idee, Komposition oder Form. Ich glaube nicht, dass auf so einer Grundlage
Kunst hervorgebracht werden kann. Die entsteht dort, wo Kunst und Leben
zusammentreffen." Während auf den Fotografien Werk und Künstlerin sich
gegenseitig zu durchdringen scheinen, steht diesem intimen Wechselspiel
allerdings die irritierende Fremdheit der Bilder und Objekte gegenüber -
Formen, die Organisches und Mechanisches auf absurde Weise vereinen, und
ganz unprätentiös sexuelle und existenzielle Themen berühren:
Fetischisierung, Begehren, Verwundbarkeit, Vergänglichkeit.
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