Die Assoziationen zur Musik, zum Tanz und zur Bewegung sind
unübersehbar: Der visuelle Rhythmus, den Global Groove 2004
vorgibt, ist bestimmt vom Overload an Bildern, Tönen und Informationen,
denen jeder Bewohner in einer völlig medialisierten Welt ausgesetzt ist.
„Die verfremdeten Sequenzen folgen im rasenden Takt aufeinander, wie in
einem postmodernen Varietee, wo vor wechselnder Kulisse eine Nummer die
andere jagt," schreibt John Hanhardt, der Kurator der Ausstellung im
Katalog (einen Vortrag von Hanhardt zur Retrospektive
The Worlds of Nam June Paik im Guggenheim New York, 2000 finden Sie
hier). Zugleich zeugt die Installation von Paiks lebenslangem Bemühen,
diesen Takt mit allen gebotenen Mitteln zu verändern und zu brechen, ihn
zu manipulieren, seine Gesetzmäßigkeiten sichtbar zu machen und ihn zu
hinterfragen. Dem Voranschreiten der Technologie setzt Paik sein
universelles Selbstverständnis des Künstlers gegenüber. Für ihn soll die
Kunst nicht nur die technischen und medialen Entwicklungen reflektieren,
sondern direkt in sie eingreifen und ihren zukünftigen Verlauf
mitbestimmen. Als Komponist, Performer, Ingenieur, Erfinder, Philosoph und
Provokateur entwickelte er nicht nur völlig neue Formen der Skulptur und
der Installationskunst, sondern in Zusammenarbeit mit einem Team aus
Technikern schon frühzeitig komplexe Werkzeuge wie den
Paik/Abe Synthesizer (1969), mit dem elektronische Bilder auf eine bis
dahin völlig einzigartige Weise manipuliert werden konnten. "Das
eigentliche Anliegen von 'Kunst und Technologie' ist nicht noch mehr
wissenschaftliche Spielzeuge zu entwickeln, sondern die sich in ungeheurem
Tempo entwickelnden Technologien und elektronischen Medien menschlicher zu
gestalten,“ schrieb er im selben Jahr.
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N.J.Paik, Video-Synthesizer, 1969/92
Kunsthalle Bremen
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Fred Barzyk, Shuya Abe und Nam June
Paik am Sytheziser im Studio des Senders WGBH -TV in Boston,
Massachusetts Foto: C.O. White, Boston
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In seinem Aufsatz Global Groove and Video Common Market
(1970) formulierte Paik das theoretische Konzept, dem 1973 auch die
ursprüngliche Fassung von Global Groove folgen sollte: Nach
dem Vorbild der Europäischen Gemeinschaft sollten sich sämtliche
Fernsehgesellschaften der Welt ihre Produktionen gegenseitig anbieten und
einen freien Videomarkt begründen. Geprägt von den Ereignissen des
Vietnamkrieges machte Paik die durch das Fernsehen verbreiteten Vorurteile
mitverantwortlich für das Elend in der Welt. So seien die im westlichen
Fernsehen dargestellten Asiaten zumeist verelendete Flüchtlinge oder
Anhänger inhumaner Diktaturen, während die Menschen in diesen Ländern
ähnlich harmlose Unterhaltungssendungen konsumierten wie jede
amerikanische Mittelklassefamilie. Ein Austausch von Sendungen hingegen
würde den spezifischen Blickwinkel erweitern und das direkte gegenseitige
Verständnis ermöglichen.

Nam June Paik auf seinem TV Chair,
Kölnischer Kunstverein, 1976
Foto: Friedrich Rosenstiel
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Nam June Paik: Global Groove, 1973, Video
Still Courtesy of Electronic
Arts Intermix © Electronic Arts Intermix
Videos, Satellitenfernsehen, Videospiele, Webseiten, Chatrooms,
Überwachungsanlagen: Angesichts der ständig wachsenden Flut von
Medienbildern, die weltweit verbreitet werden, erscheint es, als sei Paiks
Utopie globaler Kommunikation längst ein Stück näher gerückt. Wie es die
Guggenheim-Kuratorin Caitlin Jones in ihrem Katalogbeitrag zur aktuellen
Ausstellung ausführt, sind wir allerdings von Paiks propagiertem aktiven
Informationsaustausch noch weit entfernt: "Zugriffsbeschränkungen jeder
Art, sei es durch Copyrights, Freigaberechte oder die Monopolisierung von
Märkten, verhindern, dass diese Images so genutzt werden, wie es die Idee
des gemeinsamen Video-Marktes vorsieht." (Lesen Sie Caitlin Jones Text
Escape from "Videoland"
hier). Den Verheißungen des Internets steht inzwischen eine boomende
Industrie gegenüber, die ebenso Privatnutzer wie auch Behörden,
Institutionen und globale Unternehmen mit Virenschutz-Programmen und
Firewalls versorgt, die Eindringlinge und unberechtigte Zugriffe abwehrt.
Schon früh suchte Paik, der häufig als "Videoterrorist" bezeichnet wurde, nach
alternativen Distributionsformen, die auch außerhalb des Kunstkontextes
ein breites Publikum erreichen sollten. 1969 installierte er seinen
Paik-Abe-Videosynthesizer mit mehreren Monitoren, Kameras und
Schaltungen im Bostoner Labor des Senders
WGBH. Mithilfe von
Chroma-Keying, Misch- und Magnetverfahren und diversen Farb- und
Formfiltern komponierte er 9/23/69 Experiment with David Atwood (
Atwood war ein Techniker im WGBH-Studio), eine der herausragenden
Schöpfungen des ersten Jahrzehnts der Videogeschichte, der eine Reihe von
Fernsehproduktionen folgen sollten. Einen Höhepunkt bildeten in den
Achtzigern Satellitenprojekte wie
Good Morning Mr. Orwell, ein Programm, das am 1. Januar 1984 in Korea,
Deutschland, Holland, Frankreich und den Vereinigten Staaten ausgestrahlt
wurde. Der ungestüme Videomix versammelt Stars, Komponisten und Künstler
zu einer Live-Version von Global Groove. Neben den Moderatoren
George Plimpton in New York und Jacques Villars in Paris waren
Laurie Anderson, Joseph Beuys,
Phillip Glass,
Yves Montand, Ben Vautier
und die Band Urban Sax mit
von der Partie.

Nam June Paik: Global Groove, 1973, Video Still
Courtesy of Electronic Arts Intermix © Electronic Arts Intermix
Global Groove 2004 verdeutlicht nicht nur die Visionen Paiks, sondern
erinnert an seine Rolle als Pionier: Bereits 1974, beinahe zwanzig Jahre
bevor das Internet seinen weltweiten Siegeszug antrat, prägte er den
Begriff des
Information Superhighway einer global vernetzten Datenautobahn. In
diesem Sinne ist Global Groove 2004 eine Aufforderung zum Tanz: Im
idealen Fall sollte jeder am globalen Datenfluss kreativen Anteil nehmen,
sei es als Künstler, Hacker, Wissenschaftler, Theoretiker oder kritischer
Rezipient, wobei Paiks Kunst nicht mehr oder weniger als ein Vorschlag
ist. So äußerte Paik 2000 in einem Interview mit
Tilman Baumgärtel: "Ich dachte: Wenn du einen Highway schaffst, dann
erfinden die Leute Autos. Das ist Dialektik."
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